Eine komplizierte Recherche

Die Ausstellungen unseres Vereins im Heimatmuseum zeigen eindrucksvoll die Bemühungen unserer Heimatfreunde, tief in die Historie unseres Ortes vorzustoßen. Jeder Spur wird nachgegangen, wenn es sein muss grenzüberschreitend. Die Recherche zu einem französischen Brief aus Borsdorf nach Paris im Jahre 1813 übertrifft alles Bisherige.

Im Frühjahr erhielt der Heimatverein von Josef Liedke den Hinweis, dass sich dieser Brief in einem westdeutschen Auktionshaus in Verwahrung befindet, weil er in einer Auktion nicht ersteigert wurde. Ein Anruf meinerseits bestätigte dies, und ich bekundete unser Interesse am Inhalt dieses Briefes. 200,- € konnten wir aber nicht bieten. Die nette Mitarbeiterin des Hauses schickte Brief und Anschrift als Scan per Internet.

Meine Bitte um Übersetzung konnte meine Nichte Natalja Uhlmann, sie hat in Frankreich studiert, nicht erfüllen, weil die Schrift nahezu unleserlich war. Daraufhin sprach ich die pensionierte Borsdorfer Französischlehrerin Gisela Müller an. Auch sie scheiterte an der Qualität der Handschrift, hatte jedoch eine geniale Idee. In ihrem französischem Freundeskreis gibt es einen historisch Interessierten, der sich auch mit alten Schriften auskennt, aber kein Deutsch kann. Sie bat ihn, den Text zunächst in lesbares Französisch zu übertragen. Also wurde der Brief wieder per Internet an Monsieur Georges Jelski in Lille/Nordfrankreich geschickt. Es vergingen ca. drei Wochen, dann lag der Text des Briefes in gedruckter Form vor.

Den Inhalt des Briefes bezeichnete Gisela Müller nach der Übersetzung zu Recht als ominös. Der Brief ist datiert auf den 9. August 1813 (Poststempel), geschrieben in Borsdorf und besteht im Wesentlichen aus gedrechselten Komplimenten an den Empfänger im Geschmack der damaligen Zeit. Adressat ist ein Monsieur Auguste Desenne, Leiter der Buchbinderei der kaiserlichen Druckerei in Paris. Der Verfasser ist ein höherer Offizier namens Chateaubruy, Befehlshaber der Reservebatterien des V. Korps der Grande Armee. Er beschreibt den Frieden und preist ihn, besonders weil er den guten Wein liebt, spricht aber auch von Kriegsvorbereitungen ringsum. Zitat: Wenn man einen guten (Wein) vor sich hat, will man davon trinken. Das ist es, was ich liebe, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Vermutlich hatte Monsieur Chateaubruy gerade wieder einen guten Tropfen vor sich stehen. Aber die Situation am 9. August 1813 hatte er mit wenigen Worten treffend beschrieben. Denn seit dem 4. Juni herrschte Waffenruhe in Europa durch den Waffenstillstand von Pläswitz. Einen Tag später wurden die kriegerischen Handlungen wieder aufgenommen. Das V. Korps nahm unter dem Oberbefehl von Marschall Lauriston an Napoleons Herbstfeldzug teil und war an der Völkerschlacht maßgeblich beteiligt.

Nun erhebt sich die Frage: Um welches Borsdorf handelt es sich im vorliegenden Fall? Ich bin der Überzeugung, nicht um unseres. Reservebatterien eines Korps stellten ein großes Militärkontingent (Bataillonsstärke) dar. Dessen längere Existenz im Sommer 1813 im Borsdorfer Raum hätte in hiesigen Niederschriften Notiz gefunden. Nachweise allerdings anderer Art hat französisches Militär nach Auskunft des Geschichtsvereinsvorsitzenden von Nidda-Ulfa Günter Stahnke hinterlassen. In den Kirchenbüchern der Umgebung wird in der fraglichen Zeit von einem Anstieg der Geburten im Zusammenhang mit der Anwesenheit der französischen Soldaten berichtet. So kann man vorsichtig vermuten, dass der Brief in Borsdorf/Nidda in Hessen geschrieben wurde.

Quelle: Brief Auktionshaus Rauhut & Kruschel, Mülheim/Ruhr

Text: Lorenz Uhlmann, Heimatverein, Übersetzung: Gisela Müller, Beitragsfoto: ©Bildbearbeitung, PhotoGrafik, Josef Liedke

Siehe auch ParthenPost 04/2020. S. 4-6

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